Ich habe mich schon oft gefragt, wie es uns passieren konnte, dass wir, die wir am Fuße der Siebenbürger Karpaten zur Welt kamen, das Gefühl haben, einem einzigartigen und besonders bevorzugten Landstrich zu entstammen. Wie ist, bei aller Erfahrung und abwägenden Vernunft, dieses beharrliche commitment zu erklären. Und ich zweifle nicht daran, dass wir damit unzähligen anderen Menschen auf der ganzen Welt gleichen, die sich alle auf ihren eigenen interessanten und unverwechselbaren genius loci beziehen: Nur Gleichgültigkeit oder eine abgestumpfte Wahrnehmung können uns daran hindern, die Einzigartigkeit jedes Ortes auf dieser Erde zu erkennen.
Ich werde hier versuchen, das Umfeld jener lokalen Eigenheiten aus der Sicht meiner Kindheit zu beschreiben, die ich Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Burzenland verbrachte. Ich wurde in Râsnov, in Rosenau geboren, in der Brückengasse, unterhalb der Burg, die Anfang des dreizehnten Jahrhunderts erbaut wurde, gleich nach der Ansiedlung der Sachsen in dieser Gegend Europas. Dieser Ort ist der südöstlichste Punkt des Siebenbürger Gebiets und gleichzeitig die höchstgelegene sächsische Siedlung. Bis zur Bildung Großrumäniens nach dem ersten Weltkrieg stieß die südliche Grenze des Râsnover Lands an die Staatsgrenze des alten rumänischen Königreichs. Die Überreste der Grenzmauer sind noch heute im Gras zu erkennen.
Wie soll man eine Identität anders definieren als mithilfe der einen oder anderen Konstante. Was geschah mit diesen Konstanten, während das Land die großen Veränderungen der Fünfzigerjahre erlebte? Wie mischte sich das Neue mit dem Alten, wie mischte sich, was gut war, mit dem Schlechten, vor dem Hintergrund dieses besonderen Zugehörigkeitsgefühls, mag es auch noch so illusorisch sein, wie so viele andere Dinge im Leben. Doch beständig trotzt es der Migration, der Geschichte, der Ironie. Es wurde nicht nur einmal zum Selbstschutz verheimlicht: wenn sogar die Pflanzen vorgeben gleichgültig zu wachsen, wie der Dichter Michael Astner schreibt.
Die Konstanten der Landschaft von Rosenau (ein sich im Kleinen wiederholendes Siebenbürgen), die meiner Generation, Mitte des letzten, kaum vergangenen Jahrhunderts, ins Auge fielen: die Burg natürlich, das erste besondere Wahrzeichen, dann die lutheranische Kirche aus dem 14. Jahrhundert und zwei orthodoxe Kirchen im rumänischen Teil des Dorfes; die weite Fläche des Tals von einer hohen Bergkette umgeben. Die lichtdurchfluteten Eichen- und Fichtenwälder, die kahlen alpinen Höhenzüge. Eine Landschaft, die ihren Bewohnern stillschweigend ein Gefühl der Grenzenlosigkeit einpflanzt, gepaart mit einem Sinn für Maß, Begrenzung und Gleichgewicht. „Hier sind wir geschützt vor dem kalten Wind, der aus der russischen Steppe kommt„, sagte man uns, als wir klein waren. Wir schwatzten von frühester Kindheit an, hingen dabei in den Bäumen der von der Mauer umgebenen Obstplantagen, saßen auf den Heuhaufen wie in einem Nest oder baumelten mit den Beinen von einer der Brücken, die unsere Straße vom Burghügel bis hinunter zum Stierhaus des Herrn Gagesch rhythmisch unterbrachen. Genauer gesagt: ein sächsisches Kind von fünf bis sechs Jahren sprach nicht nur seine Muttersprache, den mittelalterlichen Dialekt, der sich nur noch hier befand, sondern auch Deutsch und Rumänisch. Wir haben die besten Kartoffeln, so lobten wir uns ... Lass nur, Kartoffeln haben alle, meinte jemand (ein kleiner Siebenbürger kann sich die Welt nicht ohne Kartoffeln vorstellen) ... aber Enzian* und Alpenrosen* wie bei uns ... und Edelweiß*. Nicht mal in der Schweiz haben sie so schönes Edelweiß. Die Minni-Tante sagte mir, dass es verboten ist, es zu pflücken, der Berg rächt sich sonst. Na und? Hab ich welche gepflückt? ZWEI!, rief Karli stolz. Und schwarze Bergziegen ... ich hatte einen Onkel, der war der größte Bergziegenjäger. Welcher Onkel? Wo ist der? ... Woher soll ich das wissen? Das geht mich nichts an. Plötzlich gelangte man an den Punkt, wo man nicht mehr weiter fragte. Ich lernte die Lektion des Schweigens von den Großen.
Ich ging noch nicht zur Schule, als ich aus den aufgeschnappten Wörtern die Fabel unserer Besonderheit wob, während ich eine weitere Scheibe Schwarzbrot mit Schmalz oder Marmelade zwischen uns aufteilte. Auf meinem inneren Altar, den man nicht in Worte übersetzen konnte, nahmen meine beste Freundin Rita und mein Ziehbruder Hans von allen Kindern die höchsten Plätze ein, weil sie, als sie noch kein Jahr alt waren, ihre Mütter vor der Deportation nach Russland gerettet hatten. Der Krieg war kaum zu Ende, da wurden aus Râsnov über 300 Frauen und Männer zur Schwerstarbeit nach Sibirien geschickt. Nach fünf Jahren kehrten von ihnen weniger als 200 zurück. Der Anfang vom Ende, wie es mit gutem Recht hieß.
Als ich in die Schule kam, kannte ich eine Menge Grimm’scher Märchen, die Märchen von Andersen, die Streiche von Max und Moritz hatte ich auswendig gelernt, aus vor langer Zeit gedruckten Büchern in gotischer Schrift, kolorierten Fotografien, vergoldeten Buchdeckeln – Bücher, die von Haus zu Haus gegangen und im Laufe der Zeit von vielen Generationen von Kindern gelesen worden waren. Es gab auch sächsische Märchen, einige, wie ich später entdecken würde, verwandt mit den seltsamen Geschichten vom anderen Ende des Kontinents aus dem Roman des bepelzten französischen Maître Renard. Das massive Gebäude unserer Schule im Schoße der Kirchburg stammte aus dem 19. Jahrhundert. Doch die erste (deutsche) Schule in Râsnov wurde, soviel man weiß, 1510 erbaut. Wir hatten jeweils zwei Schuljahre bei einem Lehrer Unterricht: Die Deportationen hatten die Zahl der Kinder drastisch verringert, jetzt lernten hier auch ein paar rumänische Kinder, von denen ich eines war. Nachdem wir die Lektion im Lesebuch gelesen hatten (der längste Text war der über den Genossen Jossif Wissarionowitsch Stalin, dessen Name schon allein für sich eine Zeile beanspruchte), wiederholte der Lehrer mit uns alte Lieder und erzählte von den Nibelungen. Ich war überzeugt, dass das verräterische Lindenblatt in Wirklichkeit aus unseren Wäldern auf Siegfrieds Schulter gelandet war. Und irgendwo bei der alten Ziegelei, so glaubte ich, hielt er beim Jagen an, um von der Quelle zu trinken. In der Burg kannte ich alle Teerspuren aus den Kriegen mit den Türken und Tataren. Längs der Mauern fand ich außerdem Meeresmuscheln: denn hier lag einmal das sarmatische Meer der Urzeit, wurde uns gesagt. Nun sah ich in der Bârsa-Ebene nur noch das wogende Getreide. Ich bemerkte auch die Erhebung in der Mitte der Äcker, unter der sich die Ruinen römischer Festungsanlagen befanden. Auf einer Seite verschlang Efeu die Mauern der Burg, wie bei Dornröschen. Wir dachten darüber nach, was man tun könnte, damit nicht auch das Dorf mit all seinen Häusern eines Tages auf diese Weise verschwinden würde. Wir hatten ja das unbestimmte Gefühl, dass wir im Umkreis des Vertrauten, das dem Mutterleib zu gleichen schien, Zuflucht finden konnten. Das Bedürfnis nach einem Zuhause. Die im Mittelalter hier errichtete Burg zum Schutze des Landes vor den Invasionen aus dem Osten schien eine Variation jenes Schutzwalls der Berge zu sein. Wie ein Echo dieses Musters schlossen sich die Mauern auch um die einzelnen Höfe. Ein Ort mit einem Anstrich von Solidität und Endgültigkeit. Die Mauern und Fassaden der Häuser, die zu Straßenreihen geordnet standen wie das Abbild einer zusammengehörigen Gemeinschaft, mit fest ineinander greifenden Armen, einer um die Schulter des andern. Jeder auf seinem eigenen, gut eingefügten Platz. Bauwerke, in denen die Zeit stillzustehen schien. Eine kreisende Zeit der ewigen Wiederkehr, in der paradoxalen Gleichzeitigkeit zur linearen, konstruktiven Zeit der Geschichte. Ein bis vor kurzem lebendiges Konstrukt, aus dem das Leben, wie es einmal war, langsam herausfloss wie aus einer Vase, die beim Zusammenprall mit einer Epoche großer sinnloser Verschwendungen gesprungen ist. „Im Mauerkranz der Burgen starb die Zeit„*, wie das erschütternde Lamento Hans Bergers von 1995 beginnt, der ebenfalls von Râsnov in die Welt hinausging.
Die sächsische Gemeinde ist hier seit acht Jahrhunderten ansässig; seit einigen hundert Jahren verzeichnen die Akten auch rumänische Râsnover, sie wurden im Laufe der Jahre zahlreicher und wohlhabender. Sowieso zogen sie seit ewigen Zeiten mit den Herden auf den Wegen der Transhumanz. In den alten Dokumenten ist auch die Zigeuner-Gemeinde von Râsnov verzeichnet, mit den üblichen Berufen – Schmied, Barbier, Schuster. Am Ende des Dorfes die Schmiede, wo man mit den Rindern und Pferden von überall her kommend zusammentraf – Rinder gab es nun weniger, aber es gab sie noch. Die Schmiede war ein anziehender und beunruhigender Ort mit ihrem blutroten Lichtschein, der Glut und dem glühenden Metall wie vom Anbeginn der Welt. Und daneben Trica, der einzige Schuster im Dorf.
Die hoch aufstrebenden, verwobenen Mauern der Burg lenken den Blick gen Himmel. Johannes Honterus, der Kronstädter der Renaissance, hat von seinem Burzenland aus die Sternenkarte gezeichnet. Die großen Sterne, die auch wir sehen konnten – im August erschienen sie näher als sonst –, die Sterne über dem Bucegi-Gebirge, dem Königsstein, über unseren Höfen. Honterus’ Kosmografie nutzte damals im 16. Jahrhundert den Schülern vieler Städte bis hinein in die Mitte Europas. Es verwundert nicht, dass in ebendiesem Ring von Mauern und Jahreszeiten die Menschen (wie gedemütigt und verwirrt sie in den Zeiten unserer Kindheit, im Nachkriegstotalitarismus auch waren) von interplanetaren Flügen träumten; die hatten eine lange Tradition. Aurel Vlaicu, der Pionier des rumänischen Flugwesens hatte zu Anfang des 20. Jahrhunderts Flugversuche über der Bârsa-Ebene gemacht. Das sah in seiner Kindheit mein „Onkel„ Fritz, zusammen mit Tausenden anderer Menschen, die zum ersten Mal Zeugen der Erfüllung dieses Traums wurden. Nicht weit von hier – so erzählte man sich in der guten Gesellschaft, die sich auf behördliche Anordnung nach dem Krieg in Râsnov ansiedeln musste – hatte der Schäßburger Hermann Oberth mit seinen Fantasien à la Münchhausen, Fantasien von interplanetaren Flügen, in ihrer Jugend nur ein Lächeln geerntet. Doch Oberth stellte sich als ein wirklicher und wissender Visionär heraus und wurde einer der großen Erbauer von Raumraketen (seine Karriere führte ihn nach dem Krieg schließlich zur NASA). Gunter – der sanfteste und träumerischste Freund meiner Kindheit, der später Holzbildhauer werden sollte – entschloss sich seinerseits für den Flug zu trainieren. Mit geöffnetem Regenschirm sprang er vom Heuboden; ohne es zu wissen, war er ein Ikarus, der für seinen Traum mit der Gesundheit zahlen sollte. Ohnehin war eines der beliebtesten Spiele in dieser Gegend voller spitzer, aus den Bergen ins Tal gerollter Steine, gleichzeitig Flieger, Flugzeug und Pilot zu sein. In diesen Jahren fielen in unseren Höfen plötzlich aus unsichtbaren Flugzeugen flatternde Papierchen, auf denen stand: HALTET DURCH!
Der Wunsch und die Illusion von Schutzes und Freiheit, die uns die Berge suggerierten, der Traum eines würdigen, ungezähmten Lebens ... Damals gab es in der Gegend Gruppen antikommunistischer Partisanen, für die rumänische Hirten und sächsische Bergbewohner an vereinbarten felsigen Stellen Nahrung, Kleidung und Botschaften hinterließen.
Der alte siebenbürgische Minnesang Et sasse kli waeld Vijeltchen / Ich bin ein klein wild Vögelein, und niemand kann mich zwingen ... geträllert zur Erinnerung in einem Moment, in dem das Land zum Gefängnis wurde.
Auf dem vom Goldstaub der Abendsonne getränkten Feld sah ich damals, in jener schicksalhaften Zeit, so wie man es vielleicht nur einmal zu sehen bekommt, das Bild des Pflügenden, des Pflugs und des Ochsen. Dieses Bild blieb mir in seiner wunderbaren, unübersetzbaren Eigenständigkeit erhalten (erst später entdeckte ich, wie viel schlechte Malerei dieses Thema hervorgebracht hatte), sogar als ich, mich nähernd, bemerken sollte, dass hinter dem Pflug jemand ging, der mir bekannt war, nämlich mein Freund Martin Marzell, der vor kurzem auf einer Bahre aus Sibirien zurückgekehrt war, wie die Eltern hinter vorgehaltener Hand verrieten – gut, dass er sich wieder ein bisschen berappelt hat. Doch Plan des Regimes war es, das Salz der Erde selbst zu zerstören. Nach kurzer Zeit wurde Martin mit seiner ganzen Familie aus Râsnov ausgewiesen, nur der alte Vater durfte bleiben, inmitten der unglücklichen Mazedonier, die, ebenfalls über Nacht, in seinem Hof einquartiert worden waren, wer weiß woher. Abend für Abend öffnete der alte Marzell das Tor und wollte die Herde, die von der Weide heimkehren musste, hereinlassen ... doch seine Rinder waren ihm schon vor langer Zeit genommen worden. Die Menschen sahen in seiner Geste so etwas wie ein Versprechen. „Er lockt das Glück herein, der Arme„, sagte der rumänische Doktor, der gerade von der Zwangsarbeit zurückgekommen war. Es begannen die nächsten Phasen der allgemeinen Bestrafung, neue behördliche Maßnahmen nach dem Motto: „Schuldig hin – Unschuldig her / Das Schilf muss geschnitten werden„, wie es im Lied der Zwangsarbeiter am Donaukanal heißt.
Jahrhunderte lang, in denen, wie der Chronist schreibt, die Menschen nicht vor dem Unglück eines Landes verschont wurden, das am Kreuzweg aller Übel lag, lernten die Sachsen, dass jedes Unglück überwunden werden kann, so lange es Gesetzestreue, fleißige Arbeit, „Ordnung„ und Einheit gab. Doch die Beständigkeit des Erlernten und einer Welt, wie es sie bis dahin gegeben hatte, wurde zu einem Zerrbild. Zuerst wurden die Sachsen (als kollektive Strafe, die der sowjetische Totalitarismus nach dem Krieg der deutschen Ethnie vorbehielt) und bald darauf alle anderen ihres Landes, ihrer Rinder, ihrer kleinen oder großen Fabriken, ihrer Geldreserven beraubt (das Geld floss in die „Stabilisierung„), allen wurde unter Androhung von Gefängnisstrafen befohlen, abzugeben, was sie an Gold besaßen. Schlimmere Strafen erwarteten den, der eine Waffe zurückhielt, sei sie auch noch so rostig, oder, Gott behüte, eine Schreibmaschine! Gleichheit auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Herr Krafft behielt von seinen Gespannen nur noch einige Reste und von seinen Herden die Milchkuh für einen minimalen Lebensunterhalt. Frau Elsen war mit den vielen Kindern ihrer Familie und einem fast leeren Haus zurückgeblieben, in dem nun Ödnis herrschte, noch bevor es verlassen war. Die Frau arbeitete Tag und Nacht am Webstuhl, damit sie den Kleinen das tägliche Schwarzbrot mit Schmalz oder Marmelade geben konnte. Die Strafe diente nicht irgendeinem Reparationszweck, sondern gehorchte einer Logik der tabula rasa. Fleiß, Nutzen, Disziplin, das geordnete Leben der sächsischen Gemeinde waren an sich schon problematisch für ein Regime, das Autorität und Werte nicht für wünschenswert hielt (in jeder Hinsicht, wirtschaftlich, beruflich, moralisch) – daher die systematische Einführung von Willkür und Irreführung, so dass der Einzelne sich entrechtet fühlte, wertlos* und wehrlos*. Die Einschüchterung, der gesellschaftliche und politische Druck, die umfassende Invalidisierung, die diese bemerkenswerte Minderheit erlitt, waren eine Art „Pilotprojekt„, wie man heute sagt, ein komprimiertes Modell dessen, was im Rest des Landes passierte. Ich habe noch erlebt, wie die Befehle zur Enteignung, Zwangsarbeit, Umsiedlung, Degradierung mit der Trommel verkündet wurden, mit der man die Leute auf die Straße rief. Dann folgten die unverständlichen Befehle, die wie Alpträume über uns kamen und die von gespenstischen Unbekannten in Lederjacken überbracht wurden. Wenn man sie tagsüber auf den Straßen des Dorfes herumgeistern sah, wurden nachts ein paar Leute „mitgenommen„. Jahre konnten vergehen, bis man erfuhr, wo die Verschwundenen geblieben waren.
Eine solche Zersetzung der Welt, eine solche Geringschätzung grundlegender menschlicher Werte überstieg jede Vorstellungskraft. Wer hätte sich zum Beispiel vorstellen können, dass eine ökonomische Verwüstung angestrebt war, nur um die Ideologie besser durchzusetzen? Die Menschen hatten keine Antikörper gegen das, was geschah, und konnten ebenso wenig glauben, dass nach den großen Opfern der Wahnsinn noch andauern könnte. „Lass nur, bald kehrt wieder Normalität ein„, höre ich meinen Vater sagen.
Das ist die widersprüchliche Mechanik des Überlebens in solchen Zeiten. Die Umrisse der Katastrophe, im Sinne von René Thom, sind unvorhersehbar. Obwohl wir das Gegenteil erlebten, blieb in uns die Idee der Fülle lebendig. Die Leute kleideten sich in Loden und Kattun, die sie, wie das Brot auf Marken, „auf Punkte„ bekamen, und nachts wusste man nicht, wer eingesperrt oder deportiert werden würde, man war erfüllt von endlosem Schmerz. Aber eine träge forma mentis stützte das Bild – wenn auch objektiv immer weniger begründet –, dass wir alles hätten, einzigartig und auserwählt seien, dass wir vereint und treu alles überstehen könnten und uns schließlich alles gelänge. Vielleicht würden diese idees reçues sich wie durch ein Wunder bewahrheiten? Hoffen ist ja fast schon leben. Wie vieles lässt sich aus jener Truhe mit den noch gut tragbaren Erinnerungen schneidern. Der Entwurf der Vergangenheit in die Zukunft, über die Leere des Augenblicks hinweg. Wir besaßen (taten wir das?) noch Getreide und Früchte, die im ganzen Land einzigartige Ersatzteilfabrik, wir hatte eine Mühle, eine Schlachterei, eine Fleischerei (von Herrn Schneider, der eben kein Schneider war), eine Apotheke wie im Märchen, in der Herr Muehsam Apotheker war, dann die Zimmerei von Hajdu, die Kürschnerei von Baghon, die Spinnerei, die Pension von Frau Waber, viele Räuchereien – die Fabrik für Holzspielzeug (hier gab es vor der Nationalisierung die Strickwaren von Herrn Stamm, sagte Mama), die Klink für Menschen und die Klinik für Tiere, Sennereien ... die Liegewiese im Burgtal. Das Wasserbecken mit den Seerosen an der Schule (warum haben sie es, nachdem wir fortgingen, mit Beton zugeschüttet?), den riesigen Ballsaal für die Hochzeiten, bei denen der Baumstritzel* nie fehlte. Dort fanden auch unsere Kinderbälle statt, mit Blaskapelle, und zu Fasching, wenn die Großen tanzten, rutschte der leuchtende Papiermond auf einem Draht von einem Ende des Saales zum anderen.
An diesem grenzenlosen Rand, der unser Zentrum war, drehte sich eine jener uns bekannten Achsen der europäischen Welt. Hirten, die keine Grenzen anerkennen, wanderten seit Urzeiten über die Berge, bis sie ans Meer kamen oder in den Kaukasus, im multinationalen und vielsprachigen Brasov wurde Jahrhunderte lang Handel getrieben und nicht nur mit Europa, sondern auch bis nach Asien – hier findet sich die in Europa vielfältigste Sammlung persischer Teppiche, die ungewöhnlicherweise die berühmte (lutheranische) Schwarze Kirche schmückt.
In unserem Randgebiet befindet sich auch der Knotenpunkt der Verbreitung rumänischer Literatur. Kurz nach dem Erscheinen von Honterus’ Kosmografie von 1530 an den europäischen Akademien, begann von hier aus die Verbreitung des aus der Druckerei von Diakon Coresi stammenden Tetraevangeliums, des Katechismus, der Homiliensammlung über den gesamten rumänischsprachigen Raum. Nicht nur den Techniken Gutenbergs haben wir, wie ich glaube, die Standardisierung unserer Sprache zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass im Herzen des rumänischen Verbreitungsgebietes viele andere Sprachen zu hören waren; durch Differenz und Kommunikation, durch Kontrast und Beispiel konnte die rumänische Sprache viel leichter das Selbstbewusstsein der Schrift entwickeln.
Die Momente der Entspannung oder sogar des Tauwetters haben schließlich den Prozess der Nachkriegszeit, die Verringerung der sächsischen Gemeinschaft, nicht verhindert, Emigration, „Rückführung„ nach Deutschland (Rückführung nach 800 Jahren), bis zu einer kritischen Zahl in den letzten Ceausescu-Jahren, die noch erhöht wurde durch die massive Abwanderung zu Beginn der Neunzigerjahre. Während der kommunistischen Zeit bedeutete die Zwangsindustrialisierung (in Rosenau nahm sie in der überdimensionalen und stark verschmutzenden Chemiefabrik Gestalt an) nicht nur die Proletarisierung der Enteigneten, sondern auch eine umfassende Veränderung innerhalb der Bevölkerung, die so gewollt war, um die landestypischen Merkmale möglichst einzuebnen. In der alten Burg erschienen eine Menge von Moldauern und besonders Olteniern, die zum Arbeiten gekommen waren und mit der Zeit Land bekommen hatten.
Die kleinen, im Laufe der Zeit verfallenen sächsischen Höfe am Ortsrand wurden übernommen und nach und nach von den Neuankömmlingen durch Neubauten im Mischmaschstil der damaligen Zeit ersetzt, in deren Fundamente man die alten Mauerreste geschüttet hatte. Am Ortsrand tauchten furchtbare Wohnblocks auf. Der feste Kern des Dorfes (das seit einiger Zeit Stadt genannt wurde) ist noch gut erhalten, selbst wenn die gotischen Verzierungen an den Giebelfronten mit den in sie eingravierten Namen und Jahreszahlen abgekratzt worden waren und die Brücken der Brückenstraße unter Asphalt verschwanden. Nur auf dem Bildschirm der Nostalgie fahren noch die mit Heu beladenen Wägen einer anderen, besseren Zeit vorbei. Dann sieht man Herrn Krafft am Fenster, dessen Rahmen in der dicken Mauer versinkt (sie haben jetzt Thermopanfenster eingebaut), er erhebt sich, lässt die Bibel und die Brille auf dem Fenstersims, dreht das Sierra-Radio leiser (es hat, wer weiß wie, überlebt), das auf Deutsche Welle eingestellt ist, geht durch die Küche, in der die Minni-Tante den Plätzchenteller auf das Deckchen gestellt hat, das mit Blümchen und „Siebenbürgen, süße Heimat„* bestickt ist, er zieht den Kittel an und geht hinaus, um den Graben nach dem Regen zu säubern. Ein alltägliches Happening, die Gemütlichkeit*. Gäbe es sie noch, würde man nicht von ihr erzählen.
Die heute prekäre Situation der Industrie hat zur Folge, dass dieser, seines Zwecks beraubte und einst doch so reiche Ort nun wirklich sehr arm geworden ist. Eher Geldmangel als das Bewusstsein eines interessanten kulturellen Erbes erklärt den vergleichsweise guten Zustand des Ortes. Es gibt einige touristische Initiativen. Ein paar sächsische Familien sind noch da, andere kommen im Sommer aus Deutschland zurück. Im Burzenland sieht man zu verschiedenen Gelegenheiten Märsche mit Blasmusik, die Instrumente sind die der ausgewanderten sächsischen Nachbarn. Es gibt Orte in der Umgebung, in denen die jungen Leute den Fasching* als allgemeine Tradition übernommen haben. Die Unterschiede verschwinden langsam. Späte Weitergabe von etwas unvorstellbar Altem.
Unerwarteterweise ist eine der wirksamsten Stützen für die Erhaltung eines kleinen Widerscheins jener Welt, von der ich hier spreche, das Internet geworden. Gerade rechtzeitig ist es aufgetaucht, um all die Echos aus Raum und Zeit aufzunehmen – und, hoffen wir es, zu guten Initiativen in der Wirklichkeit zu führen.
Ungeachtet aller historischen Unfälle hatten die Bewohner dieses begrenzten, doch unendlichen Universums, in dem die ursprüngliche Natur diese endliche, lebensfreundliche Umgebung schuf, zu allen Zeiten das beruhigende Wissen, das Salz der Erde zu sein. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Die beständigen Traditionsmuster, von individueller Beharrlichkeit und kollektiven Eigenheiten genährt, können natürlich als beklemmend, in der Wiederholung und Mittelmäßigkeit als quälend, erstickend, dem Individuum von der Horde als Postulat aufgedrückt empfunden werden. Als ein modus vivendi, der verführerisch aussieht, doch für den Einzelnen besser aus der Distanz betrachtet werden sollte. Dem zum Selbstschutz gegebenenfalls mit Ironie und Widerstand begegnet werden muss. Doch wenn die grundlegende Struktur des Daseins in Frage gestellt wird, wenn das Salz der Erde selbst zynisch und unverantwortlich, unwiederbringlich zerstreut wird, dann nehme ich in so einer Welt das Risiko auf mich, sentimental, respektvoll und mitfühlend zu sein und suche nicht nach dem Sicherheitsnetz der Relativierung, der Ironie oder der Ablehnung.
Unser Kontinent, auf dem die Grenzen verblassen, beherbergt auch jene dauerhafteren Konstellationen der Identität. Es scheint, als verlöre die Menschheit seit ihren Anfängen immer mehr an Sinnesschärfe, als nehme sie immer weniger Nuancen wahr, unterscheide immer weniger Abstufungen von Geräuschen. In unserer dahineilenden Geschichte sollten wir Europäer versuchen, unsere Sinne beieinander und den Geist wach zu halten, um die Fülle unserer Unterschiede wahrzunehmen, die uns in Wirklichkeit verbinden.
* im Original deutsch
Aus dem Rumänischen von Eva Wemme
Wespennest, Wien
2005

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