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Jahrhunderte lang, in denen, wie der Chronist schreibt, die Menschen nicht vor dem Unglück eines Landes verschont wurden, das am Kreuzweg aller Übel lag, lernten die Sachsen, dass jedes Unglück überwunden werden kann, so lange es Gesetzestreue, fleißige Arbeit, „Ordnung„ und Einheit gab. Doch die Beständigkeit des Erlernten und einer Welt, wie es sie bis dahin gegeben hatte, wurde zu einem Zerrbild. Zuerst wurden die Sachsen (als kollektive Strafe, die der sowjetische Totalitarismus nach dem Krieg der deutschen Ethnie vorbehielt) und bald darauf alle anderen ihres Landes, ihrer Rinder, ihrer kleinen oder großen Fabriken, ihrer Geldreserven beraubt (das Geld floss in die „Stabilisierung„), allen wurde unter Androhung von Gefängnisstrafen befohlen, abzugeben, was sie an Gold besaßen. Schlimmere Strafen erwarteten den, der eine Waffe zurückhielt, sei sie auch noch so rostig, oder, Gott behüte, eine Schreibmaschine! Gleichheit auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Herr Krafft behielt von seinen Gespannen nur noch einige Reste und von seinen Herden die Milchkuh für einen minimalen Lebensunterhalt. Frau Elsen war mit den vielen Kindern ihrer Familie und einem fast leeren Haus zurückgeblieben, in dem nun Ödnis herrschte, noch bevor es verlassen war. Die Frau arbeitete Tag und Nacht am Webstuhl, damit sie den Kleinen das tägliche Schwarzbrot mit Schmalz oder Marmelade geben konnte. Die Strafe diente nicht irgendeinem Reparationszweck, sondern gehorchte einer Logik der tabula rasa. Fleiß, Nutzen, Disziplin, das geordnete Leben der sächsischen Gemeinde waren an sich schon problematisch für ein Regime, das Autorität und Werte nicht für wünschenswert hielt (in jeder Hinsicht, wirtschaftlich, beruflich, moralisch) – daher die systematische Einführung von Willkür und Irreführung, so dass der Einzelne sich entrechtet fühlte, wertlos* und wehrlos*. Die Einschüchterung, der gesellschaftliche und politische Druck, die umfassende Invalidisierung, die diese bemerkenswerte Minderheit erlitt, waren eine Art „Pilotprojekt„, wie man heute sagt, ein komprimiertes Modell dessen, was im Rest des Landes passierte. Ich habe noch erlebt, wie die Befehle zur Enteignung, Zwangsarbeit, Umsiedlung, Degradierung mit der Trommel verkündet wurden, mit der man die Leute auf die Straße rief. Dann folgten die unverständlichen Befehle, die wie Alpträume über uns kamen und die von gespenstischen Unbekannten in Lederjacken überbracht wurden. Wenn man sie tagsüber auf den Straßen des Dorfes herumgeistern sah, wurden nachts ein paar Leute „mitgenommen„. Jahre konnten vergehen, bis man erfuhr, wo die Verschwundenen geblieben waren.
Eine solche Zersetzung der Welt, eine solche Geringschätzung grundlegender menschlicher Werte überstieg jede Vorstellungskraft. Wer hätte sich zum Beispiel vorstellen können, dass eine ökonomische Verwüstung angestrebt war, nur um die Ideologie besser durchzusetzen? Die Menschen hatten keine Antikörper gegen das, was geschah, und konnten ebenso wenig glauben, dass nach den großen Opfern der Wahnsinn noch andauern könnte. „Lass nur, bald kehrt wieder Normalität ein„, höre ich meinen Vater sagen.
Das ist die widersprüchliche Mechanik des Überlebens in solchen Zeiten. Die Umrisse der Katastrophe, im Sinne von René Thom, sind unvorhersehbar. Obwohl wir das Gegenteil erlebten, blieb in uns die Idee der Fülle lebendig. Die Leute kleideten sich in Loden und Kattun, die sie, wie das Brot auf Marken, „auf Punkte„ bekamen, und nachts wusste man nicht, wer eingesperrt oder deportiert werden würde, man war erfüllt von endlosem Schmerz. Aber eine träge forma mentis stützte das Bild – wenn auch objektiv immer weniger begründet –, dass wir alles hätten, einzigartig und auserwählt seien, dass wir vereint und treu alles überstehen könnten und uns schließlich alles gelänge. Vielleicht würden diese idees reçues sich wie durch ein Wunder bewahrheiten? Hoffen ist ja fast schon leben. Wie vieles lässt sich aus jener Truhe mit den noch gut tragbaren Erinnerungen schneidern. Der Entwurf der Vergangenheit in die Zukunft, über die Leere des Augenblicks hinweg. Wir besaßen (taten wir das?) noch Getreide und Früchte, die im ganzen Land einzigartige Ersatzteilfabrik, wir hatte eine Mühle, eine Schlachterei, eine Fleischerei (von Herrn Schneider, der eben kein Schneider war), eine Apotheke wie im Märchen, in der Herr Muehsam Apotheker war, dann die Zimmerei von Hajdu, die Kürschnerei von Baghon, die Spinnerei, die Pension von Frau Waber, viele Räuchereien – die Fabrik für Holzspielzeug (hier gab es vor der Nationalisierung die Strickwaren von Herrn Stamm, sagte Mama), die Klink für Menschen und die Klinik für Tiere, Sennereien ... die Liegewiese im Burgtal. Das Wasserbecken mit den Seerosen an der Schule (warum haben sie es, nachdem wir fortgingen, mit Beton zugeschüttet?), den riesigen Ballsaal für die Hochzeiten, bei denen der Baumstritzel* nie fehlte. Dort fanden auch unsere Kinderbälle statt, mit Blaskapelle, und zu Fasching, wenn die Großen tanzten, rutschte der leuchtende Papiermond auf einem Draht von einem Ende des Saales zum anderen.