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Die sächsische Gemeinde ist hier seit acht Jahrhunderten ansässig; seit einigen hundert Jahren verzeichnen die Akten auch rumänische Râsnover, sie wurden im Laufe der Jahre zahlreicher und wohlhabender. Sowieso zogen sie seit ewigen Zeiten mit den Herden auf den Wegen der Transhumanz. In den alten Dokumenten ist auch die Zigeuner-Gemeinde von Râsnov verzeichnet, mit den üblichen Berufen – Schmied, Barbier, Schuster. Am Ende des Dorfes die Schmiede, wo man mit den Rindern und Pferden von überall her kommend zusammentraf – Rinder gab es nun weniger, aber es gab sie noch. Die Schmiede war ein anziehender und beunruhigender Ort mit ihrem blutroten Lichtschein, der Glut und dem glühenden Metall wie vom Anbeginn der Welt. Und daneben Trica, der einzige Schuster im Dorf.
Die hoch aufstrebenden, verwobenen Mauern der Burg lenken den Blick gen Himmel. Johannes Honterus, der Kronstädter der Renaissance, hat von seinem Burzenland aus die Sternenkarte gezeichnet. Die großen Sterne, die auch wir sehen konnten – im August erschienen sie näher als sonst –, die Sterne über dem Bucegi-Gebirge, dem Königsstein, über unseren Höfen. Honterus’ Kosmografie nutzte damals im 16. Jahrhundert den Schülern vieler Städte bis hinein in die Mitte Europas. Es verwundert nicht, dass in ebendiesem Ring von Mauern und Jahreszeiten die Menschen (wie gedemütigt und verwirrt sie in den Zeiten unserer Kindheit, im Nachkriegstotalitarismus auch waren) von interplanetaren Flügen träumten; die hatten eine lange Tradition. Aurel Vlaicu, der Pionier des rumänischen Flugwesens hatte zu Anfang des 20. Jahrhunderts Flugversuche über der Bârsa-Ebene gemacht. Das sah in seiner Kindheit mein „Onkel„ Fritz, zusammen mit Tausenden anderer Menschen, die zum ersten Mal Zeugen der Erfüllung dieses Traums wurden. Nicht weit von hier – so erzählte man sich in der guten Gesellschaft, die sich auf behördliche Anordnung nach dem Krieg in Râsnov ansiedeln musste – hatte der Schäßburger Hermann Oberth mit seinen Fantasien à la Münchhausen, Fantasien von interplanetaren Flügen, in ihrer Jugend nur ein Lächeln geerntet. Doch Oberth stellte sich als ein wirklicher und wissender Visionär heraus und wurde einer der großen Erbauer von Raumraketen (seine Karriere führte ihn nach dem Krieg schließlich zur NASA). Gunter – der sanfteste und träumerischste Freund meiner Kindheit, der später Holzbildhauer werden sollte – entschloss sich seinerseits für den Flug zu trainieren. Mit geöffnetem Regenschirm sprang er vom Heuboden; ohne es zu wissen, war er ein Ikarus, der für seinen Traum mit der Gesundheit zahlen sollte. Ohnehin war eines der beliebtesten Spiele in dieser Gegend voller spitzer, aus den Bergen ins Tal gerollter Steine, gleichzeitig Flieger, Flugzeug und Pilot zu sein. In diesen Jahren fielen in unseren Höfen plötzlich aus unsichtbaren Flugzeugen flatternde Papierchen, auf denen stand: HALTET DURCH!
Der Wunsch und die Illusion von Schutzes und Freiheit, die uns die Berge suggerierten, der Traum eines würdigen, ungezähmten Lebens ... Damals gab es in der Gegend Gruppen antikommunistischer Partisanen, für die rumänische Hirten und sächsische Bergbewohner an vereinbarten felsigen Stellen Nahrung, Kleidung und Botschaften hinterließen.
Der alte siebenbürgische Minnesang Et sasse kli waeld Vijeltchen / Ich bin ein klein wild Vögelein, und niemand kann mich zwingen ... geträllert zur Erinnerung in einem Moment, in dem das Land zum Gefängnis wurde.
Auf dem vom Goldstaub der Abendsonne getränkten Feld sah ich damals, in jener schicksalhaften Zeit, so wie man es vielleicht nur einmal zu sehen bekommt, das Bild des Pflügenden, des Pflugs und des Ochsen. Dieses Bild blieb mir in seiner wunderbaren, unübersetzbaren Eigenständigkeit erhalten (erst später entdeckte ich, wie viel schlechte Malerei dieses Thema hervorgebracht hatte), sogar als ich, mich nähernd, bemerken sollte, dass hinter dem Pflug jemand ging, der mir bekannt war, nämlich mein Freund Martin Marzell, der vor kurzem auf einer Bahre aus Sibirien zurückgekehrt war, wie die Eltern hinter vorgehaltener Hand verrieten – gut, dass er sich wieder ein bisschen berappelt hat. Doch Plan des Regimes war es, das Salz der Erde selbst zu zerstören. Nach kurzer Zeit wurde Martin mit seiner ganzen Familie aus Râsnov ausgewiesen, nur der alte Vater durfte bleiben, inmitten der unglücklichen Mazedonier, die, ebenfalls über Nacht, in seinem Hof einquartiert worden waren, wer weiß woher. Abend für Abend öffnete der alte Marzell das Tor und wollte die Herde, die von der Weide heimkehren musste, hereinlassen ... doch seine Rinder waren ihm schon vor langer Zeit genommen worden. Die Menschen sahen in seiner Geste so etwas wie ein Versprechen. „Er lockt das Glück herein, der Arme„, sagte der rumänische Doktor, der gerade von der Zwangsarbeit zurückgekommen war. Es begannen die nächsten Phasen der allgemeinen Bestrafung, neue behördliche Maßnahmen nach dem Motto: „Schuldig hin – Unschuldig her / Das Schilf muss geschnitten werden„, wie es im Lied der Zwangsarbeiter am Donaukanal heißt.