An diesem grenzenlosen Rand, der unser Zentrum war, drehte sich eine jener uns bekannten Achsen der europäischen Welt. Hirten, die keine Grenzen anerkennen, wanderten seit Urzeiten über die Berge, bis sie ans Meer kamen oder in den Kaukasus, im multinationalen und vielsprachigen Brasov wurde Jahrhunderte lang Handel getrieben und nicht nur mit Europa, sondern auch bis nach Asien – hier findet sich die in Europa vielfältigste Sammlung persischer Teppiche, die ungewöhnlicherweise die berühmte (lutheranische) Schwarze Kirche schmückt.
In unserem Randgebiet befindet sich auch der Knotenpunkt der Verbreitung rumänischer Literatur. Kurz nach dem Erscheinen von Honterus’ Kosmografie von 1530 an den europäischen Akademien, begann von hier aus die Verbreitung des aus der Druckerei von Diakon Coresi stammenden Tetraevangeliums, des Katechismus, der Homiliensammlung über den gesamten rumänischsprachigen Raum. Nicht nur den Techniken Gutenbergs haben wir, wie ich glaube, die Standardisierung unserer Sprache zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass im Herzen des rumänischen Verbreitungsgebietes viele andere Sprachen zu hören waren; durch Differenz und Kommunikation, durch Kontrast und Beispiel konnte die rumänische Sprache viel leichter das Selbstbewusstsein der Schrift entwickeln.
Die Momente der Entspannung oder sogar des Tauwetters haben schließlich den Prozess der Nachkriegszeit, die Verringerung der sächsischen Gemeinschaft, nicht verhindert, Emigration, „Rückführung„ nach Deutschland (Rückführung nach 800 Jahren), bis zu einer kritischen Zahl in den letzten Ceausescu-Jahren, die noch erhöht wurde durch die massive Abwanderung zu Beginn der Neunzigerjahre. Während der kommunistischen Zeit bedeutete die Zwangsindustrialisierung (in Rosenau nahm sie in der überdimensionalen und stark verschmutzenden Chemiefabrik Gestalt an) nicht nur die Proletarisierung der Enteigneten, sondern auch eine umfassende Veränderung innerhalb der Bevölkerung, die so gewollt war, um die landestypischen Merkmale möglichst einzuebnen. In der alten Burg erschienen eine Menge von Moldauern und besonders Olteniern, die zum Arbeiten gekommen waren und mit der Zeit Land bekommen hatten.
Die kleinen, im Laufe der Zeit verfallenen sächsischen Höfe am Ortsrand wurden übernommen und nach und nach von den Neuankömmlingen durch Neubauten im Mischmaschstil der damaligen Zeit ersetzt, in deren Fundamente man die alten Mauerreste geschüttet hatte. Am Ortsrand tauchten furchtbare Wohnblocks auf. Der feste Kern des Dorfes (das seit einiger Zeit Stadt genannt wurde) ist noch gut erhalten, selbst wenn die gotischen Verzierungen an den Giebelfronten mit den in sie eingravierten Namen und Jahreszahlen abgekratzt worden waren und die Brücken der Brückenstraße unter Asphalt verschwanden. Nur auf dem Bildschirm der Nostalgie fahren noch die mit Heu beladenen Wägen einer anderen, besseren Zeit vorbei. Dann sieht man Herrn Krafft am Fenster, dessen Rahmen in der dicken Mauer versinkt (sie haben jetzt Thermopanfenster eingebaut), er erhebt sich, lässt die Bibel und die Brille auf dem Fenstersims, dreht das Sierra-Radio leiser (es hat, wer weiß wie, überlebt), das auf Deutsche Welle eingestellt ist, geht durch die Küche, in der die Minni-Tante den Plätzchenteller auf das Deckchen gestellt hat, das mit Blümchen und „Siebenbürgen, süße Heimat„* bestickt ist, er zieht den Kittel an und geht hinaus, um den Graben nach dem Regen zu säubern. Ein alltägliches Happening, die Gemütlichkeit*. Gäbe es sie noch, würde man nicht von ihr erzählen.
Die heute prekäre Situation der Industrie hat zur Folge, dass dieser, seines Zwecks beraubte und einst doch so reiche Ort nun wirklich sehr arm geworden ist. Eher Geldmangel als das Bewusstsein eines interessanten kulturellen Erbes erklärt den vergleichsweise guten Zustand des Ortes. Es gibt einige touristische Initiativen. Ein paar sächsische Familien sind noch da, andere kommen im Sommer aus Deutschland zurück. Im Burzenland sieht man zu verschiedenen Gelegenheiten Märsche mit Blasmusik, die Instrumente sind die der ausgewanderten sächsischen Nachbarn. Es gibt Orte in der Umgebung, in denen die jungen Leute den Fasching* als allgemeine Tradition übernommen haben. Die Unterschiede verschwinden langsam. Späte Weitergabe von etwas unvorstellbar Altem.
Unerwarteterweise ist eine der wirksamsten Stützen für die Erhaltung eines kleinen Widerscheins jener Welt, von der ich hier spreche, das Internet geworden. Gerade rechtzeitig ist es aufgetaucht, um all die Echos aus Raum und Zeit aufzunehmen – und, hoffen wir es, zu guten Initiativen in der Wirklichkeit zu führen.
Ungeachtet aller historischen Unfälle hatten die Bewohner dieses begrenzten, doch unendlichen Universums, in dem die ursprüngliche Natur diese endliche, lebensfreundliche Umgebung schuf, zu allen Zeiten das beruhigende Wissen, das Salz der Erde zu sein. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Die beständigen Traditionsmuster, von individueller Beharrlichkeit und kollektiven Eigenheiten genährt, können natürlich als beklemmend, in der Wiederholung und Mittelmäßigkeit als quälend, erstickend, dem Individuum von der Horde als Postulat aufgedrückt empfunden werden. Als ein modus vivendi, der verführerisch aussieht, doch für den Einzelnen besser aus der Distanz betrachtet werden sollte. Dem zum Selbstschutz gegebenenfalls mit Ironie und Widerstand begegnet werden muss. Doch wenn die grundlegende Struktur des Daseins in Frage gestellt wird, wenn das Salz der Erde selbst zynisch und unverantwortlich, unwiederbringlich zerstreut wird, dann nehme ich in so einer Welt das Risiko auf mich, sentimental, respektvoll und mitfühlend zu sein und suche nicht nach dem Sicherheitsnetz der Relativierung, der Ironie oder der Ablehnung.
Unser Kontinent, auf dem die Grenzen verblassen, beherbergt auch jene dauerhafteren Konstellationen der Identität. Es scheint, als verlöre die Menschheit seit ihren Anfängen immer mehr an Sinnesschärfe, als nehme sie immer weniger Nuancen wahr, unterscheide immer weniger Abstufungen von Geräuschen. In unserer dahineilenden Geschichte sollten wir Europäer versuchen, unsere Sinne beieinander und den Geist wach zu halten, um die Fülle unserer Unterschiede wahrzunehmen, die uns in Wirklichkeit verbinden.
* im Original deutsch
Aus dem Rumänischen von Eva Wemme
Wespennest, Wien
2005

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